Unser Bürgermeister hat sich, wie andere auch, zum
Jahreswechsel in der Märkischen Oderzeitung geäußert. Ein größerer Artikel
steht noch aus. Er sagte: „Ganz persönlich nehme ich mir vor, die
Diskussionskultur in unseren gemeindlichen Gremien dahingehend weiter zu verbessern,
dass sie von Höflichkeit, Achtsamkeit und Respekt geprägt sind. Ich werde mich
noch mehr auf das Miteinander, das Zuhören und die Solidarität konzentrieren
und Egoismus und Narzissmus bei der Lösung der vielen Probleme in der Gemeinde
nicht zulassen.“
Bei allem Respekt vor dem Amt. Jedoch leitet erstens der
Bürgermeister kein gesellschaftliches, ehrenamtliches Gremium und könnte nur als
Mitglied mit besonderen Rechten mit gutem Beispiel vorangehen. Aber er kann
nichts gestatten oder zulassen. Das ist ein wenig anmaßend, finde ich und hat
ein wenig Narzisstisches an sich, aber dazu später mehr.
Nehmen wir also zweitens den Bürgermeister beim Wort: Diskussionskultur
verbessern! Ja, das wäre wünschenswert und ist nötig. Vor allem aber geht es
darum, erst überhaupt Diskussionen um die besten Lösungen zu fördern, ja zu
provozieren. Die meisten, auch strittigen Tagesordnungspunkte sowohl in den
Ausschüssen als auch in der Gemeindevertretung finden ohne jede Aussprache
statt, werden abgenickt. Statt die Verwaltung, wie es die Kommunalverfassung
fordert, zu kontrollieren und zu befähigen, ziehen es viele Abgeordnete vor,
auf der Welle des Wohlwollens des Bürgermeisters zu schwimmen.
Natürlich ist ein Jahreswechsel nicht die Zeit,
selbstkritisch zu sein. Andererseits können in den Vorhaben die neue Schule und das Eichener
Feuerwehrdepot nicht alles für 2022 mit dem Achsenentwicklungskonzept Ahrensfelde
– Werneuchen sein, ein Mammutprojekt.
Aber wer drittens Nazismus im Munde führt, sollte
wissen, dass dieses Verhalten mit überhöhtem Ich-Anspruch einhergeht. Und Bürgermeister Gehrke,
so beobachte ich das, nimmt jede sachliche Kritik an Vorlagen und Projekten
stets als persönlichen Angriff auf den Hauptverwaltungsbeamten wahr.
Selbstkritik
ist der Verwaltungsspitze fremd, wie etwa nach der Ausschreibung des
24-Millionen-Projekts neue Schule lediglich im Amtsblatt, obwohl das europaweit
ausgeschrieben werden muss. Das ist heute Allgemeinwissen und bei vier Juristen
in der Verwaltung ein dickes Ding, da das auch zu Verzögerungen in der
Realisierung des Schulneubaus führte. Der Wohnsiedlungsbau in Lindenberg auf kontaminiertem Boden einer ehemaligen Schweinemastanlage ohne Umweltprüfung war auch keine Glanzleistung.
Doch weiter mit Narzissmus. Der ist in seiner Erscheinung ein
Konflikt zwischen der Wahrnehmung von außen und der Selbsteinschätzung. Nicht
die sind Narzissten, die Vorlagen durcharbeiten und dazu Recherchen anstellen,
Vergleiche aus anderen Kommunen heranziehen oder Zweifel anmelden. Denn Zweifel
sind Ausdruck des Denkens. Und Narzissten, das sollte man
bei der Verwendung des Begriffs bedenken, das sage ich diplomierter Journalist,
der die Pflege der Sprache als eine seiner Hauptaufgaben sieht, sind jedoch,
wie die jüngere Forschung aufgewiesen hat, emotional stabil, mit sich selbst
und ihrem Leben zufrieden und an ihre Lebenssituation und im Beruf gut angepasst.
Kein Grund für sie also in der Gemeindevertretung um Beifall zu hecheln,
sondern auf solider Basis andere zum Nachdenken anzuregen, zu überzeugen und
Probleme nicht im Schweinsgalopp abzuhandeln.
Ehrenamtliche, gewählte
Abgeordnete in unseren Gremien bedeuten souveränes bürgerschaftliches
Engagement, engagiert und natürlich auch emotional für die Verbesserung der
Lebensqualität aller Bürger. Dazu gehört auch der Respekt vor dem politischen
Gegner und nicht nur für die eigene Meinung. So sehe ich das, völlig
emotionsfrei und vielleicht etwas narzisstisch.
Hartmut Moreike